Der Sourcing-Markt ist im Umbruch. China - einstiger Garant für niedrige Produktionskosten und verlässliche Qualität ist auf dem Rückzug; die Kosten in fast allen wichtigen Beschaffungsmärkten steigen. Die relative Schwäche des Euro, politische Unsicherheiten und die steigende Erwartung an Corporate Social Responsibility tun ihr Übriges und rühren den Beschaffungsmarkt auf wie die 12. Auflage der ‚Kurt Salmon Global Sourcing Reference-Studie‘ jetzt zeigt. Die Studie analysiert alle zwei Jahre detailliert die aktuellen Entwicklungen der Textil- und Bekleidungsbeschaffung in den 46 wichtigsten Beschaffungsländern weltweit. Es zeigt sich: Unternehmen sind stärker denn je gezwungen nach Sourcing-Alternativen zu suchen.

Der Anteil des Beschaffungsvolumens von China für Europa ist von ehemals über 40% auf heute 32% gesunken, getrieben von weiter gestiegenen Lohnkosten und dem starken Yuan. Das eher hilflose Gegenkämpfen der chinesischen Regierung vermag den Trend nicht aufzuhalten. Das betrifft auch Zentralchina, wo der sogenannte Production-Cost-Index prozentual sogar noch stärker gestiegen ist als an der Küste – was auch der geringeren Produktivität in den zentralen Regionen geschuldet ist. Damit ist klar: China ist kein Niedriglohn-Land mehr und wird es auch in Zukunft nicht wieder werden.


Abb. 1: Production-Cost-Index – Veränderung in ausgewählten Ländern 2005 – 2015

 

Die Polarisierung des Beschaffungsmarktes

Am Beispiel Denim wird deutlich, dass der Kostenvorteil von Fernost gegenüber dem Europa-angrenzenden Raum langsam schmilzt: So verlor China in den letzten zwei Jahren 7% des Beschaffungsvolumen von Denim an Länder geringerer Produktionskosten auf der einen Seite, allen voran Bangladesch, Pakistan und Kambodscha, und auf der anderen Seite in Länder mit größerer Nähe zu Europa und damit größerer Beschaffungsflexibilität wie die Türkei, aber auch Tunesien und Polen. Die weiter abwertende türkische Lira stärkt zudem die Exportchancen. Inwieweit die türkischen Lieferanten die Währungsvorteile aber bereit sind an hiesige Unternehmen und Verbraucher weiterzureichen, bleibt abzuwarten.

Die Polarisierung der Beschaffungsvolumina in kostengünstig versus flexibel wird sich weiter fortsetzten. Diejenigen Unternehmen werden zukünftig erfolgreich beschaffen, denen es gelingt bereits bei Planung und Entwicklung das Sortiment sinnvoll zu untergliedern in weniger modische Artikel, die mit längeren Lieferzeiten aus Niedriglohnländern beschafft werden können, und in modische Themen, die erst kurzfristig entschieden und daher aus größerer Nähe beschafft oder auch nachgeliefert werden müssen. Die richtige Balance zwischen günstig versus flexibel - und beides sozial-verträglich – wird über zukünftigen Erfolg in der Beschaffung entscheiden.


Abb.2: Polarisierung des Beschaffungsmarktes am Beispiel Denim-Importe (EU15), 2015 vs. 2013

 

Bangladesch, Kambodscha und Myanmar gewinnen

Wie zu erwarten profitiert vor allem Bangladesch von der Schwäche Chinas. Doch auch dort steigen die Lohnkosten. Die Produktivität muss der Entwicklung Stand halten und z. B. auch Kompetenzen und Kapazitäten über die Herstellung von Wirkware hinaus aufgebaut werden. Zusätzlich wird die Bedeutung von CSR (Corporate Social Responsibility) weiter zunehmen. Entscheidend wird sein, inwiefern die Produzenten die Karten offenlegen und sich hinsichtlich CSR zu verlässlicheren Partnern entwickeln werden.

Weitere Länder mit einem wachsenden Bekleidungsexportvolumen sind Kambodscha und Myanmar. Insbesondere Myanmar, das sich langsam nach Aufhebung des Embargos in 2011 erholt,  hat eine lange Tradition in der Textilproduktion. Das Land kämpft jedoch mit einer noch schlechten Infrastruktur, anhaltenden Engpässen in der Energieversorgung und einer vergleichsweise hohen Korruption. Gelingt es diese Herausforderungen zu überwinden, werden Myanmar weitere Wachstumschancen eingeräumt, insbesondere wenn die Fertigungskompetenzen zukünftig um Vorstufen wie z. B. Webereien erweitert werden sollten.

 

Ausblick: die Risiken bleiben

Zentraler Erfolgsfaktor wird bleiben, die richtige Balance aus langfristiger, kostengünstiger und tendenziell teurerer aber flexiblerer Beschaffung zu finden, die nicht nur den Einkaufspreis, sondern letztendlich die beim Kunden tatsächlich realisierte Marge nach Preisnachlässen optimiert. Für den Erfolg ist damit entscheidend wer schnell entsprechend der Erwartungen seiner Zielgruppe auf neue Trends reagieren, für den Basic-Teil seines Sortimentes eine gute Preis-Leistung bieten und zusätzlich angemessene Arbeitsbedingen in seinen Beschaffungsländern sicherstellen kann.

Wesentliche Risiken werden die Währungsentwicklung des Euro gegenüber Dollar und lokalen Währungen bleiben sowie weiter steigende Löhne in den etablierten Beschaffungsländern (e.g. zu erwartende weitere Mindestlohnanstiege in Bangladesch und Kambodscha). Das Potenzial an Ausweichmärkten ist begrenzt – wie im Falle Pakistan zum Beispiel durch die fragile politische Situation oder in Afrika durch mangelnde Infrastruktur und Kapazitäten.  

Es überrascht daher nicht, dass im Rahmen der diesjährigen Befragung globaler Entscheider im Sourcing als größte Herausforderungen die steigenden Lohnkosten und Wechselkurse in Kombination mit Preisdruck von den Absatzmärkten genannt wurden.

Aktuell besteht wenig Aussicht auf Besserung auf der Kostenseite. Der Schlüssel zum Erfolg wird darin liegen,  Sortimente und Beschaffung systematisch nach Sortimentsbedürfnissen zu differenzieren, um gezielt Innovation, Geschwindigkeit und Kosten je nach Bedarf ausspielen zu können und somit über eine reine Kostenperspektive hinaus den Sortimentserfolg zu optimieren.

 

Über die Global Sourcing Reference-Studie 2015

Die 12. Auflage der ‘Global Sourcing Reference’ analysiert aktuelle Entwicklungen der Textil- und Bekleidungsbeschaffung in den 46 wichtigsten Beschaffungsländern weltweit tiefgreifend bis auf Produktgruppen-Ebene. Neben makroökonomischen Trends und deren Einfluss auf Beschaffungsstrategien vertieft die Studie Entwicklung in etablierten Beschaffungsländern und bewertet darüber hinaus das Potenzial neuer, aufstrebender Regionen inklusive deren Chancen und Risiken. Die Studie umfasst die Europäischen wie auch die US-amerikanischen Beschaffungsländer und wird durch tiefgreifende Experteninterviews und eine umfassende Befragung führender Entscheider aus der textilen Beschaffung ergänzt.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse kann oben rechts auf dieser Seite heruntergeladen werden. Die Studie ist zu einem Kostenbeitrag von 990,-€ zzgl. MwSt. zu erwerben. Kontaktieren Sie uns bei Interesse hier.