Seit der ersten Ausgabe 1991 hat sich die Global Sourcing Reference von Kurt Salmon zu einer der wichtigsten Quellen für Beschaffungsmanager in Europa und den USA entwickelt und sich als unerlässliches Tool für das Benchmarking der Branchenführer etabliert.

Die Global Sourcing Reference 2013 liefert Einzelhändlern, Markenherstellern und Produzenten einen umfassenden Überblick über die aktuell wichtigsten Beschaffungsländer für Textil und Bekleidung mit ihren jeweiligen Produktions- und Logistikkosten und zeigt darüber hinaus die wesentlichen Entwicklungen in der Beschaffung entlang der gesamten Versorgungskette auf. Sie enthält die Ergebnisse einer Befragung von mehr als 100 europäischen Top Sourcing-Entscheidern und analysiert die 46 wichtigsten Sourcing-Länder. Die Studie betrachtet dabei die globalen Beschaffungsmärkte aus Sicht des europäischen wie auch des US amerikanischen Importmarktes. Neben makroökonomischen Trends und deren Einfluss auf Sourcing-Strategien, gibt die Studie einen tieferen Einblick in aktuelle Entwicklungen in China und Bangladesch und untersucht Myanmar und Afrika als potenziell neue Beschaffungsregionen. Die Studie wird durch Experteninterviews ergänzt.

 

Absatz- und Beschaffungsmarktkomplexität erzwingen stärkere Supply Chain-Integration

Die globale Beschaffung für Bekleidung wird sich in den kommenden Jahren rapide verändern. Reichten vor einigen Jahren noch gute Preis-Leistung und Bruttomarge für den Erfolg der Beschaffung, fordern heute eine Vielzahl zusätzlicher Einflussfaktoren seitens der Absatz- und Beschaffungsmärkte das Sourcing heraus: Innovationsgeschwindigkeit, Nachfragevolatilität, das Wachstum von Multichannel, zunehmende Internationalisierung und regionale Differenzierung und nicht zuletzt höhere Kundenansprüche an Umwelt- und Sozialstandards der Produktion. Hinzu kommen Herausforderungen aus den Beschaffungsmärkten, wie steigende Produktionskosten, schwankende Rohmaterial- und Frachtkosten und starke Verschiebungen in neue Beschaffungsmärkte, die besondere Risiken mit sich bringen. Somit steigt die Komplexität der gesamten textilen Supply Chain.

Damit Schritt zu halten, erfordert nicht nur ein gezieltes Länder- und Lieferantenportfolio, sondern auch eine enge Verzahnung aller Funktionen entlang der Supply Chain und enge Lieferantenpartnerschaften mit hohem Kontrollgrad bis in die Produktionsstätten. Flexibilität, Transparenz sowie prozessuale und technische Integration werden in der Beschaffung in Zukunft die Spreu vom Weizen trennen.

 

Absatz- und Beschaffungsmärkte treiben Veränderung der Supply Chain-Modelle

Wie sieht also die nächste Generation der textilen Wertschöpfungskette aus? Viele Unternehmen haben in den letzten 10 Jahren viel Energie in schnellere Innovationszyklen investiert. Es zeigt sich jedoch, dass ein wesentlicher Hebel für den Erfolg dieser Anstrengungen, nämlich die konsequente und systematische Aufnahme und Auswertung von Marktinformationen für die Produktentwicklung und Beschaffung, noch bei weitem nicht ausreichend umgesetzt ist. Während Kalenderzyklen gekürzt wurden, fehlt in vielen Fällen immer noch die Fähigkeit, die gewonnenen Erkenntnisse effektiv in gezielte Entscheidungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu übersetzen. Zukünftig werden Merchandising, Design, Produktentwicklung, Beschaffung, Lieferanten und Logistik prozessual sehr viel enger integriert werden, um flexibel und gezielt auf die immer weniger berechenbaren Absatzmärkte und volatilen Beschaffungsmärkte reagieren zu können.

Letztendlich bedeutet dies auch mehr Analytik und Technologie in der Beschaffung, um der wachsenden Komplexität gerecht zu werden und die notwendige Transparenz für eine umfassende Optimierung zu schaffen. Die heute noch am Anfang stehende Verbreitung von PLM-Systemen wird einen wesentlichen Beitrag leisten, um Mode- und Textilunternehmen die notwendige Klarheit und Einflussmöglichkeiten entlang der Wertschöpfungskette zu bieten: von der Planung bis zur operativen Zusammenarbeit mit Lieferanten auf SKU-Ebene.

 

David gegen Goliath - Neue Sourcing-Regionen gewinnen, aber China wird seine starke Rolle vorerst behaupten

Der weltweite Anstieg der Produktionskosten (PCI) setzt sich fort mit Ausnahme nur weniger Märkte. Bangladesch und Vietnam sind die Länder mit den absolut gesehen geringsten PCIs von 11 bzw. 14 (siehe Abb. 1; Index 100 entspricht Kostenniveau in GB). Dementsprechend verzeichnen beide Länder einen jährlichen Anstieg der Exporte in die EU von durchschnittlich 13 % bzw. 9 % seit 2007. Die klassischen Beschaffungsregionen in China zeigen dagegen eine starke Kostensteigerung von über 160 % seit 2005 und liegen mittlerweile bei einem PCI von 38. Damit sind die Produktionskosten in Südchina nicht mehr weit von einigen osteuropäischen Beschaffungsmärkten entfernt (z. B. Rumänien mit PCI von 41).

Abb. 1: Veränderung des Produktionskostenindex ausgewählter Länder von 2005 bis 2013

Das spiegelt sich auch im chinesischen Importvolumen in die EU wieder, das von einem Anteil von 41 % in 2010 auf 38 % in 2013 gesunken ist (siehe Abb. 2). Auf Deutschland bezogen bedeutete dies über 800 Mio. Euro Beschaffungsvolumen weniger aus China. Auf Platz zwei folgt Bangladesch mit 11 %, welches die Türkei als nun nur noch drittgrößten Exporteur nach Europa im Ranking überholt hat. Indien steht nach wie vor an Platz 4 gefolgt von Rumänien als Newcomer in den Top 5.

Abb. 2: Top Fünf Beschaffungsmärkte 2012 (Mio. Euro)

Damit bleibt China dennoch mit Abstand der größte Bekleidungsexporteur nach Europa. Chinas Bedeutung als wichtigstes Beschaffungsland wird durch seine Integration der textilen Wertschöpfungskette auch über die nächsten Jahre erhalten bleiben, auch wenn sich die Verschiebung in andere Märkte fortsetzen wird. So hält In China die Bewegung ins Landesinnere für vielfältige Produkte von Denim über Pullover bis hin zu Shirts und Blusen an. Prozentual gesehen sind die Gewinner der letzten Jahre aber Kambodscha, Bangladesch, Polen und Vietnam.

Bangladesch etabliert sich erstmals vor der Türkei als zweitwichtigste Textil-Sourcing-Region für Europa. Vor dem Hintergrund der fatalen Ereignisse der vergangenen Monate steht die Produktion in Bangladesch unter hohem Druck, sozial und auch ökologisch verantwortungsbewusste Leistungen zu bieten. Die westlichen Marken und Händler reagieren: Die Befragung führender Hersteller und Händler bestätigt, dass vor Produktionsqualität, Verlässlichkeit und Flexibilität Corporate Social Responsibility (CSR) aktuell als wichtigster Sourcing-Faktor eingestuft wird. Zusätzlich wird die Kontrolle über Tier-2-Lieferanten von der Material-Blockung bis hin zu Auditierungen und CSR-Standards immer unerlässlicher. Zwar haben nur 35 % der befragten Unternehmen bereits Standards für Tier-2-Lieferanten etabliert, jedes zweite der befragten Unternehmen plant diese aber in naher Zukunft einzuführen. 

CSR ist nicht die einzige Herausforderung für die aufstrebenden Niedriglohnländer. Auch wenn diese zu den Gewinnern der letzten Jahre gehörten, verfügen sie noch nicht über die notwendige Infrastruktur, Supply Chain- und Fertigungskompetenzen, um ähnliche Volumina wie China liefern zu können. Insbesondere Indien kommt nicht von der Stelle und verliert als viertgrößter Exporteur leicht an Bedeutung. Um seine Stellung zu behaupten, muss Indien über die heute schon gegebene verlässliche Verfügbarkeit an Materialien hinaus auch Herausforderungen in Bezug auf Infrastruktur, Produktivität und Geschäftsumfeld in den Griff bekommen. Als Alternative zu Bangladesch könnte Indien damit wieder zunehmend Bedeutung erlangen.

 

Steigende Löhne in Fernost – eine neue Chance für Europa?

Gerade durch die Nähe zur EU bleibt die Türkei drittgrößter Bekleidungsexporteur in die EU nach China und Bangladesch. Es vollzieht sich dort eine Verlagerung der Produktion in kostengünstigere Regionen im Osten des Landes. Zentrale Stärke des Landes sind weiterhin die vertikal integrierten Fertigungsstandorte, wie sie sonst nur in China zu finden sind, und das hohe Produktivitätsniveau.

Den osteuropäischen Ländern gelang es bisher nicht im größeren Umfang, Geschäft aus Fernost zurückzugewinnen, auch wenn einzelne Länder wie Polen und Rumänien von chinesischen Kapazitätsengpässen und den geringer werdenden Produktionskostenunterschieden profitieren konnten. Vor dem Hintergrund hoher Absatzmarktvolatilität, verkürzter Innovationszyklen und damit höheren Ansprüchen an Flexibilität ist damit zu rechnen, dass Osteuropa wieder verstärkt in den Beschaffungsfokus rücken wird. Bei geringer werdenden Produktionskostenunterschieden wird Osteuropa für risikobehaftete Sortimente aus Total Cost-Perspektive zunehmend attraktiver, um Abschriften und Umsatzverluste effektiv zu senken.

 

Afrika – Stern oder Kreuz der Beschaffung von morgen?

Mit Kostensteigerungen vieler Regionen rücken auch neue Märkte in den Fokus wie z. B. in Afrika. Mit Ausnahme von Mauritius oder Madagaskar steckt die Textil- und Bekleidungsproduktion dort aber noch in den Kinderschuhen. Einzelne Länder wie Äthiopien zeigen jedoch auf niedrigem Niveau ein deutliches Wachstum. Ausländische Investoren errichten zunehmend eigene Textilproduktionskapazitäten, wie z. B. chinesische und türkische Produzenten, die in Äthiopien vertikal integrierte Produktionsstätten aufbauen, um die Verfügbarkeit lokaler Baumwolle und geringe Lohnkosten zu nutzen. Dies geht einher mit beträchtlichen Investitionen sowohl im Textil- als auch im Schuhbereich. Gleichzeitige Investitionen in die Infrastruktur, wie z. B. die Bahnlinie von Addis Abeba zum Hafen in Djibouti, können die Grundlage für zukünftiges Wachstum bilden. Insgesamt sollte Sub-Sahara Afrika im Blick behalten werden, insbesondere angesichts der jüngsten Nachrichten, dass H&M, Primark, Tesco, Walmart und andere Unternehmen dort bereits Piloten starten.

 

Fazit

Mit der schwer berechenbaren Rohmaterialverfügbarkeit und global zunehmenden Beschaffungskosten bei gleichzeitig steigenden Erwartungen der Märkte, wird der Weg der Beschaffung auch in Zukunft steinig. Gewinner im Sourcing werden diejenigen sein, denen es gelingt, einen stringenten Informations- und Abstimmungsprozess zu etablieren, der sich nicht nur von der Planung bis zur Beschaffung erstreckt, sondern auch Tier 1 und 2 Lieferanten umfasst. Gleichzeitig muss es gelingen, ein Länder- und Lieferantenportfolio aufzubauen, das Qualitäts-, Flexibilitäts- und Materialbedürfnissen der jeweiligen Sortimente gerecht wird und zusätzlich die Kostenvorteile aufstrebender und sich neu entwickelnder Sourcing-Regionen bietet. Die Global Sourcing Reference soll helfen, die zukünftigen Potenziale von Sourcing-Märkten genauer zu verstehen und Sourcing-Aktivitäten gezielt zu optimieren.

 

 

Die Global Sourcing Reference kann für € 990,- bestellt werden unter globalsourcing@kurtsalmon.com

 

Für Fragen stehen wir Ihnen gerne persönlich zur Verfügung:

Dorothea Ern-Stockum, Geschäftsführerin
dorothea.ern@kurtsalmon.com

Dr. Peter Rinnebach, Senior Manager
peter.rinnebach@kurtsalmon.com
+49 (0) 211 7595 0

 

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